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Reanimation nach Ertrinken für Rettungsdienst und Wasserrettung

Lake Shore
Adobe Stock

Beim Ertrinken ist der Kreislaufstillstand in der Regel hypoxisch. Das bedeutet, dass die Beatmung und Oxygenierung Vorrang haben, bevor das klassische Compression-first-Schema der Herz-Lungen-Wiederbelebung greift.1

Wie die Versorgung nach einem Ertrinkungsunfall gelingt, entscheidet sich an zwei Stellen: am Gewässer, an dem Ersthelferinnen und Ersthelfer häufig die ersten Beatmungen übernehmen, und an der Schnittstelle zum Rettungsdienst, der Atemwege, Ventilation und die Übergabe an die Klinik absichert. Hinzu kommt die Transportentscheidung bei begleitender Unterkühlung.2

Reanimation nach Ertrinken: Das Wichtigste in Kürze

  • Beatmung zuerst: Der Kreislaufstillstand nach Ertrinken ist eine Folge des Sauerstoffmangels. Die Oxygenierung hat deshalb Vorrang, bevor das übliche Compression-first-Schema der Herz-Lungen-Wiederbelebung greift.
  • 5 Beatmungen, dann 30:2. Auf die 5 initialen Beatmungen folgt die CPR im Verhältnis 30:2 mit frühem AED-Einsatz. Thoraxkompressionen wirken nur auf festem Untergrund, nicht im Wasser.
  • Keine Zeit verlieren: Wasser aus der Lunge zu drücken, bringt keinen Nutzen und verzögert die Beatmung. Auch eine Wirbelsäulenstabilisierung darf den Reanimationsbeginn nicht aufhalten.
  • Wärme schützt: Nasse Kleidung muss entfernt und die betroffene Person isoliert werden. Reanimiert wird so lange, bis sich die Körpertemperatur des Ertrunkenen wieder normalisiert hat, gemäß der Maßgabe: „Nobody is dead until warm and dead.“
  • Im Zweifel immer in die Klinik: auch nach kurzer Besserung, da Aspiration und eine verzögerte respiratorische Verschlechterung möglich sind.

Warum Reanimation nach Ertrinken anders ist als die klassische Herz-Lungen-Wiederbelebung

Bei der Reanimation nach Ertrinken steht die Beatmung an erster Stelle, weil der Kreislaufstillstand hypoxisch bedingt ist. Damit zählt der Ertrinkungsunfall zu den wenigen Ausnahmen, bei denen nicht, wie sonst in der Herz-Lungen-Wiederbelebung, die Thoraxkompressionen den Anfang machen.1

Auslöser des Kreislaufstillstands ist der Sauerstoffmangel, nicht primär das Herz.Daraus folgt die zentrale Konsequenz: Sauerstoff muss so früh wie möglich in die Lunge gelangen. 1,2

Die Leitlinie des European Resuscitation Council (ERC) passt das Standardschema gezielt an. Liegt keine normale Atmung vor, beginnt die Reanimation nach Ertrinken mit 5 initialen Beatmungen, bevor in die Standard-CPR im Verhältnis 30:2 übergegangen wird.3

Bei Kindern gilt dieselbe Modifikation. Auch hier stehen 5 initiale Beatmungen vor den ersten Thoraxkompressionen, denn der hypoxische Mechanismus ist altersunabhängig.1 Zu beachten ist jedoch das Kompressionsverhältnis: Eine professionelle Reanimation bei Kindern erfolgt im Verhältnis 15:2.

Es muss zudem bei der Reanimation nach einem Ertrinkungsunfall kein Wasser aus der Lunge entfernt werden. Versuche, vermeintlich verschlucktes Wasser herauszudrücken, bringen keinen Nutzen, stattdessen verzögern sie die Beatmung und erhöhen das Risiko für Erbrechen und Aspiration. Vorrang hat deshalb immer die sofortige Beatmung.2

Auch eine Wirbelsäulenstabilisierung darf die Reanimation nicht aufhalten. Besteht der Verdacht auf ein Trauma, etwa nach einem Kopfsprung ins flache Wasser, wird die Halswirbelsäule zwar geschont, der Reanimationsbeginn aber nicht verzögert. Der Atemweg wird dann vorsichtig freigemacht, beispielsweise mit dem Esmarch-Manöver.4

Merk-Satz: Bei Ertrinken reanimieren Sie die Lunge zuerst!

Basisschema: Erste Hilfe bei Ertrinken in fünf Schritten

Die Erste Hilfe bei Ertrinken folgt fünf aufeinander aufbauenden Schritten, vom sicheren Retten über die frühe Beatmung bis hin zu CPR und AED. Wärmeerhalt und die Vorbereitung der Übergabe begleiten dabei den gesamten Ablauf.

Schritt 1: Eigenschutz, Rettung, 112

Der Eigenschutz steht vor der Rettung. Schwimmen Sie niemals ungesichert zu einer ertrinkenden Person, sonst sind zwei Personen in Gefahr. Helfen Sie nur, wenn Sie es sicher tun können. Nutzen Sie nach Möglichkeit ein schwimmfähiges Hilfsmittel wie einen Rettungsring, eine Rettungsboje oder eine Stange.5

Setzen Sie parallel den Notruf 112 ab mit Angaben zum präzisen Ort, zur Anzahl der Betroffenen sowie zu Bewusstseinszustand und Atmung. Sind mehrere Helferinnen und Helfer vor Ort, verteilen Sie die Rollen früh: Rettung, Reanimation, Defibrillator und Wärmeerhalt.5

Schritt 2: Bewusstsein & Atmung prüfen (≤10 s)

Prüfen Sie nach der Rettung Ansprechbarkeit und Atmung. Die Atemkontrolle dauert maximal 10 Sekunden.1 Eine nicht normale Atmung – dazu zählt auch die Schnappatmung – ist ein Zeichen für den Kreislaufstillstand und löst die Reanimation aus.2

Ist die Person bei Bewusstsein und atmet normal, sorgen Sie für Wärmeerhalt und eine engmaschige Überwachung bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes. Bewegen Sie die Person so wenig wie möglich und möglichst horizontal, um einen Bergungstod durch Kreislaufversagen zu vermeiden.2

Schritt 3: 5 initiale Beatmungen

Sind die Atemwege frei, geben Sie 5 initiale Beatmungen über jeweils etwa 1 Sekunde, bis sich der Thorax sichtbar hebt. Steht Sauerstoff zur Verfügung, beatmen Sie mit 100 % O₂. Vermeiden Sie zu kräftige oder zu schnelle Beatmungen, da sie zu Mageninsufflation und Erbrechen führen. Überlassen Sie eine Beatmung bereits im flachen Wasser ausgebildeten Rettungskräften.5

Schritt 4: CPR 30:2 + AED

Nach den 5 initialen Beatmungen gehen Sie in die Standard-CPR im Verhältnis 30 Thoraxkompressionen zu 2 Beatmungen über. Bei Erwachsenen gelten 100–120 Kompressionen pro Minute, eine Drucktiefe von 5–6 cm und die vollständige Entlastung nach jeder Kompression.1

Der Defibrillator kommt früh zum Einsatz. Trocknen Sie den Brustkorb zuvor ab und platzieren Sie die Elektroden korrekt. Setzen Sie die Kompressionen während des Anbringens der Pads nach Möglichkeit fort. Wirksame Thoraxkompressionen gelingen nur auf festem Untergrund, nicht im Wasser.1

Schritt 5: Wärmeerhalt & Übergabe vorbereiten

Entfernen Sie nasse Kleidung, trocknen Sie die Person ab und schützen Sie sie mit Decke und Windschutz vor dem Auskühlen. Setzen Sie die Reanimation fort, bis der Rettungsdienst übernimmt oder eine stabile, normale Atmung einsetzt.2

Eine klinische Abklärung ist im Zweifel immer angezeigt, auch nach kurzer Erholung. Für die Übergabe werden die wichtigsten Eckdaten notiert: ungefähre Zeit unter Wasser, Beginn der Reanimation, durchgeführte Maßnahmen und Beobachtungen.4

Für den Rettungsdienst: Atemweg, ROSC und Übergabe

Übernimmt der Rettungsdienst, verlagert sich der Fokus von den ersten Beatmungen auf den dauerhaft gesicherten Atemweg. Entscheidend sind nun eine kontrollierte Beatmung, eine jederzeit einsatzbereite Absaugung und eine strukturierte Übergabe an die Klinik.1

Atemweg & Beatmung

Beatmet wird mit 100 % Sauerstoff. Das Atemwegsmanagement zielt auf eine frühzeitige endotracheale Intubation und eine anschließende Beatmung mit PEEP ab, da nach Ertrinken häufig hohe Beatmungsdrücke erforderlich sind.

Wegen dieser hohen Beatmungsdrücke und des ausgeprägten Aspirationsrisikos sind supraglottische Atemwegshilfen nur eingeschränkt geeignet.6 Halten Sie eine Absaugung bereit, setzen Sie sie aber gezielt ein: Saugen Sie nur dann ab, wenn eine Beatmung anders nicht möglich ist – nicht vorsorglich und nicht dauerhaft.6

Rechnen Sie von Anfang an mit häufigem Erbrechen und Aspiration. Bei begleitender Unterkühlung gilt zudem: Führen Sie die Reanimation fort, bis im Krankenhaus eine normale Körpertemperatur erreicht ist – nach dem Grundsatz „Nobody is dead until warm and dead".7

„Nobody is dead until warm and dead"

Bei schwerer Unterkühlung senkt die Kälte den Sauerstoffbedarf des Gehirns und kann es so vorübergehend vor hypoxischen Schäden schützen. Lebenszeichen sind dann oft kaum wahrnehmbar, obwohl der Tod nicht eingetreten ist. Deshalb wird die Reanimation fortgeführt und der Tod erst festgestellt, wenn der Körper auf eine normale Temperatur wiedererwärmt wurde und die Maßnahmen weiterhin erfolglos bleiben.

Nach ROSC (kompakt)

Nach Wiedereinsetzen des Spontankreislaufs (ROSC) hat die Oxygenierung Vorrang. Vermeiden Sie konsequent eine erneute Hypoxie. Überwachen Sie die Atemwege und SpO₂ engmaschig, da sich nach Ertrinken eine respiratorische Insuffizienz bis hin zum ARDS entwickeln kann.6

Übergabe-Checkliste (6 Punkte)

Eine strukturierte Übergabe beschleunigt die Weiterversorgung. Folgende 6 Punkte sollten dokumentiert und übergeben werden:

  • Submersionsdauer (wenn bekannt)
  • Zeitpunkt Beginn BLS/ALS
  • ROSC ja/nein, initialer Rhythmus
  • Maßnahmen: 5 Beatmungen, CPR-Zyklen, Defi-Schocks
  • Temperatur/Hypothermie
  • Aspiration, Erbrechen, Atemwegsstatus

Reanimation bei Hypothermie

Kaltes Wasser bedeutet oft eine begleitende Unterkühlung. Wärmeerhalt und schonendes Handling sind deshalb Teil der Reanimation.

Für alle Einsatzkräfte

Entfernen Sie nasse Kleidung, trocknen Sie die Person und isolieren Sie sie mit einer Decke, Bodenisolierung und einem Windschutz. Setzen Sie die Reanimation fort, bis der Rettungsdienst übernimmt oder eine stabile, normale Atmung einsetzt.

Zusatz Rettungsdienst

Bei starker Hypothermie ist das Reizleitungssystem instabil. Bewegen Sie die Person daher schonend und transportieren Sie sie horizontal, um einen Bergungstod zu vermeiden. Eine prolongierte Reanimation kann nach lokaler SOP sinnvoll sein, brechen Sie sie nicht vorschnell ab – maßgeblich ist auch hier der Grundsatz „Nobody is dead until warm and dead“.

Ziehen Sie bei schwerer Hypothermie und prolongierter Reanimation den Transport in ein Zentrum mit erweiterter Versorgung in Betracht, etwa zur extrakorporalen Wiedererwärmung per ECMO – jeweils nach Trägerprotokoll.6

Vier häufige Mythen bei der Reanimation nach Ertrinken

Die folgende Übersicht stellt verbreitete Fehlannahmen dem leitliniengerechten Vorgehen gegenüber:

Mythos/Fehler Richtig
Wasser aus der Lunge drücken Sofort beatmen – jede Sekunde zählt
Endlos absaugen Nur bei Beatmungsbehinderung; sonst ventilieren
Beatmung zu aggressiv Moderates Volumen, sichtbare Thoraxhebung
Zu früh aufhören Bis RD übernimmt/Übergabe in der Klinik oder normale Atmung stabil

Effektive Beatmung für die Reanimation nach Ertrinken – mit WEINMANN

Bei Ertrinken entscheidet die schnelle, effektive Beatmung über die Oxygenierung. Am Gewässer, wo die Wasserrettung häufig die ersten Beatmungen übernimmt, ebenso wie im Rettungsdienst, der den Atemweg sichert. Für beide Einsatzwelten bündelt WEINMANN die passenden Komponenten in den Themenfeldern Notfallbeatmung und Atemwegsmanagement.

Freie Atemwege mit ACCUVAC Pro

Regurgitat und Sekret behindern nach Ertrinken regelmäßig die Beatmung. ACCUVAC Pro schafft in diesen Fällen rasch freie Atemwege und wird gezielt eingesetzt, damit die Ventilation nicht länger als nötig unterbrochen wird.

Schnelle Ein-Helfer-Beatmung mit MEDUtrigger

Für die 5 initialen Beatmungen und die anschließenden Zyklen im Verhältnis 30:2 ermöglicht der MEDUtrigger (Auslöser für die manuell getriggerte Beatmung) einer einzelnen Einsatzkraft die Maskenbeatmung mit 100 % Sauerstoff, ausgelöst direkt an der Maske, während die zweite Hand frei bleibt.

Sichere endotracheale Intubation mit MEDUVISION

Das Videolaryngoskop MEDUVISION unterstützt die Intubation auch in beengten oder ungewöhnlichen Lagen. Der flexibel einstellbare Displaywinkel erlaubt reflexionsarmes Intubieren, das transflektive allBRIGHT Display sorgt für hohe Sichtbarkeit selbst bei grellem Sonnenlicht am Strand oder See.

Optimale Beatmung unter Reanimation mit CCSV

CCSV (Chest Compression Synchronized Ventilation, WEINMANN-eigener Beatmungsmodus) synchronisiert die Beatmung mit den Thoraxkompressionen. CCSV sorgt für eine signifikant bessere Oxygenierung unter Reanimation als andere Beatmungsformen und beatmet mit hohen Beatmungsdrücken und PEEP, ohne den venösen Rückstrom zu beeinträchtigen. 8,9

Mehr über CCSV erfahren

FAQ

Klassisch werden fünf Phasen beschrieben: 

  1. Überraschung beim Erkennen der Gefahr
  2. Willkürliches Atemanhalten (teils mit reflektorischem Laryngospasmus)
  3. Bewusstlosigkeit infolge des Sauerstoffmangels
  4. Hypoxische Krämpfe 
  5. Klinischer Tod mit Atem- und Kreislaufstillstand

Aktuelle Leitlinien verstehen Ertrinken allerdings als kontinuierlichen Prozess der respiratorischen Beeinträchtigung, nicht als streng getrennte Stadien.

Eine feste Dauer gibt es nicht. Reanimiert wird, bis ein Spontankreislauf zurückkehrt, der Rettungsdienst übernimmt oder eine stabile, normale Atmung einsetzt. Gerade bei begleitender Hypothermie ist eine prolongierte Reanimation gerechtfertigt.

„Trockenes Ertrinken“ ist ein populärer, medizinisch jedoch überholter Begriff für eine Erstickung durch Laryngospasmus, bei der kaum Wasser in die Lunge gelangt. Fachlich wird Ertrinken heute einheitlich als respiratorische Beeinträchtigung durch Untertauchen definiert. Begriffe wie „trockenes“ oder „sekundäres“ Ertrinken werden nicht mehr empfohlen. Relevant für die Praxis bleibt, dass symptomatische Personen nach einem Wassernotfall ärztlich überwacht werden sollten.

1 European Resuscitation Council (ERC), Leitlinien 2025, Kapitel „Ertrinken" (BLS/ALS); deutschsprachige Aufbereitung: FOAMio – ERC 2025. foamio.org/erc-2025/

2 MSD Manual, Profi-Ausgabe: „Ertrinken". https://www.msdmanuals.com/de/profi/verletzungen-vergiftungen/ertrinken/ertrinken

3 Notfall + Rettungsmedizin (Springer): Modifikation des Reanimationsablaufs bei Ertrinken – 5 Beatmungen vor Thoraxkompressionen. https://link.springer.com/article/10.1007/s10049-015-0097-6

4 AMBOSS SOP: Ertrinkungsunfall. https://www.amboss.com/de/wissen/ertrinkungsunfall-amboss-sop

5 Malteser: Erste Hilfe bei Badeunfällen und Ertrinken. https://www.malteser.de/aware/hilfreich/die-nasse-gefahr-erste-hilfe-bei-badeunfaellen-und-ertrinken.html

6 Thieme (Notfallmedizin up2date), Abstract: Ertrinkungsunfälle. https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-2364-7666

7 RD-Factsheets: Ertrinkungsnotfälle. https://rd-factsheets.de/fs/ertrinkungsnotfaelle/

8 Kill C, Galbas M, Neuhaus C, et al. Chest Compression Synchronized Ventilation versus Intermitted Positive Pressure Ventilation during Cardiopulmonary Resuscitation in a Pig Model. PLoS One. 2015;10(5):e0127759. doi:10.1371/journal.pone.0127759

9https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12702506/

Autor:in: Juliane Zepp · Zuletzt aktualisiert: 05.08.26